Frau Auge
"Mir fällt nichts ein, mir fällt was auf." (Alfred Hrdlicka)
Mittwoch, 15. Mai 2013
licht blut höre IV
Rot werden sein die Feuerzungen der Heiligen Geistin auf den Häuptern der Heiligen.
Weiß wird sein der Himmel über Jerusalem und über uns.
Sausen wird sein.
Und Brausen.
Und Wirbel.
Und Überschwang.
Und Tanzschritt.
Und Stimmen werden sein.
Und Sausen wird sein.
Und Brausen.
Was will das werden?
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licht blut höre III
Blutrot
Feuerrot
Kirschrot
Scharlachrot
Rubinrot
Fuchsrot
Puterrot
Krebsrot
Knallrot
Rot wie eine Tomate
Rot wie das Stopp-Schild an der Kreuzung.
Rot ist der Mohn
Und die untergehende Sonne
Und die Feuerwehr
Und Nagellack von Chanel.
Und die Handynummer, mit Lippenstift an den Spiegel geschrieben
Rot ist das Blut der Märtyrerinnen
Und das Licht im Fenster der Dame von zweifelhaftem Ruf
Und das Tuch des Toreros – Olé!
Rot.
Rot.
Rot.
Rot werden sein die Feuerzungen der Heiligen Geistin auf den Häuptern der Heiligen.
Rot ist die Liebe.
Und die Leidenschaft.
Und rot ist mein Kleid
Und rot ist mein Herz.
Und rot ist mein Schmerz.
Rot.
Rot.
Rot.
All so hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab.
All so.
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licht blut höre II
Wen höre ich?
Und wer hört mich?
Wer wird gehört?
Und was?
Beate Zschäpe hat die Haare schön und schweigt.
Ihre Anwältin spricht.
Ayse Yozgat trägt Kopftuch und weint.
Die Mikrophone wie bunte Blumen.
Wer wird gehört?
Und was?
In den TV-Shows die üblichen Verdächtigen.
Kubicki, Bosbach, Karasek, Baring.
Ob Pflege, Aufschrei, Wirtschaftskrise.
Kubicki, Bosbach, Karasek, Baring.
Wen höre ich?
Und wer hört mich?
Wer wird gehört?
Und wer hört eigentlich die, die den ganzen Tag hören?
Die Altenpflegerin und den Friseur.
Den Taxifahrer und die Frau am Beschwerdetelefon der Deutschen Bahn.
Die Schwiegertochter und den Priester im Beichtstuhl.
Wen höre ich?
Und wer hört mich?
Wer wird gehört?
Wer wird erhört?
Höre meine Stimme, wenn ich rufe.
Sei mir gnädig und erhöre mich.
Und wer hört mich?
Wer wird gehört?
Und was?
Beate Zschäpe hat die Haare schön und schweigt.
Ihre Anwältin spricht.
Ayse Yozgat trägt Kopftuch und weint.
Die Mikrophone wie bunte Blumen.
Wer wird gehört?
Und was?
In den TV-Shows die üblichen Verdächtigen.
Kubicki, Bosbach, Karasek, Baring.
Ob Pflege, Aufschrei, Wirtschaftskrise.
Kubicki, Bosbach, Karasek, Baring.
Wen höre ich?
Und wer hört mich?
Wer wird gehört?
Und wer hört eigentlich die, die den ganzen Tag hören?
Die Altenpflegerin und den Friseur.
Den Taxifahrer und die Frau am Beschwerdetelefon der Deutschen Bahn.
Die Schwiegertochter und den Priester im Beichtstuhl.
Wen höre ich?
Und wer hört mich?
Wer wird gehört?
Wer wird erhört?
Höre meine Stimme, wenn ich rufe.
Sei mir gnädig und erhöre mich.
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licht blut höre I
Stille.
Atem.
Leere.
Pause.
Weiß, so weiß.
Wolke und Himmel.
Und Frühlingswind im Haar.
Der Hügel
Und unten die blühenden Bäume.
Weiß, so weiß.
Und oben Wolke und Himmel.
Wolke und Himmel.
Und Weiß, so weiß.
Wie der Engel am Grab.
Wie das Kleid der Braut.
Wie die Blüten des Apfelbaums.
Wie die Wolke.
So ungeheuer oben.
So weiß, so weiß.
Und es geschah, als er sie segnete, schied er von ihnen und fuhr auf gen Himmel. Sie aber beteten ihn an und kehrten zurück nach Jerusalem mit großer Freude
Und kehrten zurück nach Jerusalem
Mit hellen Augen
Mit leuchtendem Herzen
Mit lichter Seele
Mit einem Glanz im Haar und im Gesicht
So weiß, so weiß.
Wie der Engel am Grab.
Wie das Kleid der Braut.
Wie die Blüten des Apfelbaums.
Wie die Wolke.
So ungeheuer oben.
So weiß, so weiß.
Und kehrten zurück nach Jerusalem mit großer Freude und waren allezeit im Tempel und priesen Gott.
So weiß, so weiß.
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Für Uta und Angelina
Uta Melle und Angelina Jolie
und: das weibliche Recht auf den eigenen Körper
und: Schönheit und Versehrtheit
und: Sex und Selbstbestimmung
Update: Kluges dort
und: das weibliche Recht auf den eigenen Körper
und: Schönheit und Versehrtheit
und: Sex und Selbstbestimmung
Update: Kluges dort
Samstag, 11. Mai 2013
Pfarrhaus
Ich wohne in einem Haus mit 7 Zimmern, zwei Bädern, vier Toiletten, zwei Abstellkammern und vier Kellerräumen. Allein.
In meinem Bett höre ich das Diensttelefon.
Wer meinen Vornamen und die ersten beiden Ziffern meiner Postleitzahl weiß, kann mich googlen, anrufen, Pakete mit unerwünschtem Inhalt schicken oder vorbeikommen.
Vermutlich 2000 von den 4500 Menschen in meinem Viertel wissen, welche Farbe mein Fahrrad und welche Marke mein Auto hat, gefühlte 500, dass ich fair gehandelten Kaffee kaufe, fast nie bügle, über den Winter ein bisschen zugenommen habe, mein Lieblingsregisseur Almodovar ist und das mit den Männern bei mir irgendwie kompliziert zu sein scheint.
Ich weiß im Gegenzug von zu viel Alkohol und zu wenig Sex, von Gulag und vergessenen Wörtern. Ich habe gelernt, dass man Marmelade in eine Tasse Tee rühren kann und das köstlich ist – und dass eigentlich alle, denen man ein bißchen näher kommt, Narben auf ihren Seelen haben – genau wie ich. Und die Sehnsucht, zu lieben und geliebt zu werden und dabei frei zu sein – auch genau wie ich.
Neuerdings weist die Kirchenleitung wieder vermehrt darauf hin, „dass Pfarrer eine besondere Verantwortung für ihre Lebensführung hätten“. Eine Vikarin ist entlassen worden, weil sie einen Mann aus Bangladesh mit muslimischem Glauben geheiratet hatte. Es ist von klaren Regeln die Rede, die Schutz böten und von der kulturprägenden Kraft des vorbildlichen evangelischen Pfarrhauses. Das alles soll jetzt in einer Arbeitsgruppe untersucht werden. Sie ist hochkarätig besetzt. Natürlich ist keine dabei, die im Pfarrhaus wohnt.
Es gibt Tage, da möchte ich ausziehen.
In meinem Bett höre ich das Diensttelefon.
Wer meinen Vornamen und die ersten beiden Ziffern meiner Postleitzahl weiß, kann mich googlen, anrufen, Pakete mit unerwünschtem Inhalt schicken oder vorbeikommen.
Vermutlich 2000 von den 4500 Menschen in meinem Viertel wissen, welche Farbe mein Fahrrad und welche Marke mein Auto hat, gefühlte 500, dass ich fair gehandelten Kaffee kaufe, fast nie bügle, über den Winter ein bisschen zugenommen habe, mein Lieblingsregisseur Almodovar ist und das mit den Männern bei mir irgendwie kompliziert zu sein scheint.
Ich weiß im Gegenzug von zu viel Alkohol und zu wenig Sex, von Gulag und vergessenen Wörtern. Ich habe gelernt, dass man Marmelade in eine Tasse Tee rühren kann und das köstlich ist – und dass eigentlich alle, denen man ein bißchen näher kommt, Narben auf ihren Seelen haben – genau wie ich. Und die Sehnsucht, zu lieben und geliebt zu werden und dabei frei zu sein – auch genau wie ich.
Neuerdings weist die Kirchenleitung wieder vermehrt darauf hin, „dass Pfarrer eine besondere Verantwortung für ihre Lebensführung hätten“. Eine Vikarin ist entlassen worden, weil sie einen Mann aus Bangladesh mit muslimischem Glauben geheiratet hatte. Es ist von klaren Regeln die Rede, die Schutz böten und von der kulturprägenden Kraft des vorbildlichen evangelischen Pfarrhauses. Das alles soll jetzt in einer Arbeitsgruppe untersucht werden. Sie ist hochkarätig besetzt. Natürlich ist keine dabei, die im Pfarrhaus wohnt.
Es gibt Tage, da möchte ich ausziehen.
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Dienstag, 7. Mai 2013
Sonntag, 5. Mai 2013
Ginge ich weg, wüsste ich nicht wohin
Ich setze nicht auf die Großinstitutionen, obwohl es sie geben muss.
Ich warte nicht auf die Fusskranken des Christentums.
Ich warte auf die Gruppen, die es gibt - gegen die Verschwendung, für Frauen, Frieden.
Ich weiß, das ist alles zu wenig - aber ich entmutige mich selbst, wenn ich immer nur sehe, was nicht gelingt.
Wenn ich hoffen will, bin ich verpflichtet, auch die frühen Knospen wahrzunehmen.
Ginge ich weg, wüßte ich nicht wohin.
Fulbert Steffensky
Ich warte nicht auf die Fusskranken des Christentums.
Ich warte auf die Gruppen, die es gibt - gegen die Verschwendung, für Frauen, Frieden.
Ich weiß, das ist alles zu wenig - aber ich entmutige mich selbst, wenn ich immer nur sehe, was nicht gelingt.
Wenn ich hoffen will, bin ich verpflichtet, auch die frühen Knospen wahrzunehmen.
Ginge ich weg, wüßte ich nicht wohin.
Fulbert Steffensky
Donnerstag, 25. April 2013
Samstag, 20. April 2013
Stefanie Mattausch *24. Juli 1914 +17.April 2013
Meine Oma war eine Dame im braunen Spitzenkleid mit Schmetterlingsbrille und Whiskey und Coffee&Cigarettes.
Meine Oma war eine Königin.
Eine Termitenkönigin.
Aus der Höhle ihrer Wohnung zog sie an den Fäden der anderen.
Meine Oma war die einzige in der Familie, die sagte, sie und alle hätten gewusst, was mit Familie Rosenzweig geschehen sei – damals.
Meine Oma war die einzige in der Familie, die keine Hausfrau war. Die nicht wusste, wie man einen Einkaufswagen lenkte und wo die Butter am billigsten war.
Meine Oma erzählte diese Geschichte:
Auf dem Küchentisch lagen die gesammelten Essensmarken für die Hochzeit. Eine Hochzeit ohne Mann. Der Mann war im Krieg. Sibirien, Ural, was auch immer.
Auf dem Küchentisch lagen die gesammelten Essensmarken. Da raffte die Freundin, kurzsichtig, wie sie war, und eitel und deshalb ohne Brille, da raffte die Freundin die Tischdecke zusammen und schüttelte sie aus dem Fenster. Und Mehl und Eier und ein Stück Fleisch und Zucker und ein halbes Pfund Kartoffeln flogen hinaus über die Stuttgarter Dächer. Verloren für immer.
Zur Hochzeit ohne Mann gab es Griessuppe und trockenes Brot.
Später, viel später fuhren sie nach Istanbul, Rom und Venedig.
In der letzten Woche ihres Lebens sang meine Oma von Freude und dem Funken der Götter.
In ihrer letzten Nacht schrie sie nach ihrer Mutter und nach meiner Mutter.
Mach das Tor auf! Mach das Tor auf!
Jetzt.
Später wuschen wir sie und zogen ihr die bunte Seidenbluse an. Sie sah aus, als schliefe sie.
Später spielte ich ihr ihre Lieblingsmusik vor. Charles-Marie Widor aus meinem Iphone auf dem Fensterbrett. Ich weinte und tanzte und rauchte im braunen Spitzenkleid.
Mir wars, als lächle sie und sage: Jetzt du.
Meine Oma war eine Königin.
Eine Termitenkönigin.
Aus der Höhle ihrer Wohnung zog sie an den Fäden der anderen.
Meine Oma war die einzige in der Familie, die sagte, sie und alle hätten gewusst, was mit Familie Rosenzweig geschehen sei – damals.
Meine Oma war die einzige in der Familie, die keine Hausfrau war. Die nicht wusste, wie man einen Einkaufswagen lenkte und wo die Butter am billigsten war.
Meine Oma erzählte diese Geschichte:
Auf dem Küchentisch lagen die gesammelten Essensmarken für die Hochzeit. Eine Hochzeit ohne Mann. Der Mann war im Krieg. Sibirien, Ural, was auch immer.
Auf dem Küchentisch lagen die gesammelten Essensmarken. Da raffte die Freundin, kurzsichtig, wie sie war, und eitel und deshalb ohne Brille, da raffte die Freundin die Tischdecke zusammen und schüttelte sie aus dem Fenster. Und Mehl und Eier und ein Stück Fleisch und Zucker und ein halbes Pfund Kartoffeln flogen hinaus über die Stuttgarter Dächer. Verloren für immer.
Zur Hochzeit ohne Mann gab es Griessuppe und trockenes Brot.
Später, viel später fuhren sie nach Istanbul, Rom und Venedig.
In der letzten Woche ihres Lebens sang meine Oma von Freude und dem Funken der Götter.
In ihrer letzten Nacht schrie sie nach ihrer Mutter und nach meiner Mutter.
Mach das Tor auf! Mach das Tor auf!
Jetzt.
Später wuschen wir sie und zogen ihr die bunte Seidenbluse an. Sie sah aus, als schliefe sie.
Später spielte ich ihr ihre Lieblingsmusik vor. Charles-Marie Widor aus meinem Iphone auf dem Fensterbrett. Ich weinte und tanzte und rauchte im braunen Spitzenkleid.
Mir wars, als lächle sie und sage: Jetzt du.
Sonntag, 14. April 2013
Laurie und Tamar. Tischrede beim Frauenmahl in Göppingen
Dräng dich nicht vor! Nimm dich zurück!
Ordne dich unter!
Dräng dich nicht vor!
Nimm dich zurück!
Diszipliniere dich.
Erfülle die Erwartungen.
Die Frauen, die Sonntag für Sonntag in meiner Kirche sitzen, haben diese Sätze so oft gehört, dass sie ihnen sich um den Hals gelegt haben wie die Kette mit dem Taufkreuz oder der Nerzkragen am Wollmantel.
Nur dass diese Sätze weder golden noch weich sind.
Die Sonntagsfrauen wurden in Kasachstan geboren, in Aserbaidschan, Sibirien, und an der Grenze zu China.
Sie haben im Schwarzen Meer schwimmen gelernt und kennen den Flug der Gänsegeier im Kaukasus.
Sonntagsmänner gibt es fast keine. Die Männer sind tot oder krank oder schauen Fernsehen. Beten und Singen ist Frauensache.
Ordne dich unter!
Dräng dich nicht vor!
Nimm dich zurück!
Diszipliniere dich.
Erfülle die Erwartungen.
Die Frauen und Mädchen, die Donnerstag für Donnerstag Heidi Klum und ihre Next Topmodels auf Pro7 sehen, haben diese Sätze mindestens genauso oft gehört oder gelesen wie die Sonntagsfrauen.
Nur vielleicht in etwas anderer Übersetzung.
Zum Beispiel so:
Ordne dich unter!
Dräng dich nicht vor!
Nimm dich zurück!
Diszipliniere dich.
Erfülle die Erwartungen.
Die Frauen, die Sonntag für Sonntag in meiner Kirche sitzen, haben diese Sätze so oft gehört, dass sie ihnen sich um den Hals gelegt haben wie die Kette mit dem Taufkreuz oder der Nerzkragen am Wollmantel.
Nur dass diese Sätze weder golden noch weich sind.
Die Sonntagsfrauen wurden in Kasachstan geboren, in Aserbaidschan, Sibirien, und an der Grenze zu China.
Sie haben im Schwarzen Meer schwimmen gelernt und kennen den Flug der Gänsegeier im Kaukasus.
Sonntagsmänner gibt es fast keine. Die Männer sind tot oder krank oder schauen Fernsehen. Beten und Singen ist Frauensache.
Ordne dich unter!
Dräng dich nicht vor!
Nimm dich zurück!
Diszipliniere dich.
Erfülle die Erwartungen.
Die Frauen und Mädchen, die Donnerstag für Donnerstag Heidi Klum und ihre Next Topmodels auf Pro7 sehen, haben diese Sätze mindestens genauso oft gehört oder gelesen wie die Sonntagsfrauen.
Nur vielleicht in etwas anderer Übersetzung.
Zum Beispiel so:
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Donnerstag, 11. April 2013
Selbstverleugnung
"Ratgebertexte für Frauen, von Cosmopolitan bis hin zu Ancrene Wisse, einem Handbuch für Einsiedlerinnen aus dem 12. Jahrhundert, propagieren Selbstverleugnung als Parole und Richtlinie, außer für bestimmte Lebensbereiche wie zum Beispiel den Winterschlußverkauf oder die Liebe zu Jesus."
Aus: Laurie Penny: Fleischmarkt
Aus: Laurie Penny: Fleischmarkt
Donnerstag, 4. April 2013
Dienstag, 26. März 2013
Godard Remixed
Das Kino erzählt es noch mal.
Das Kino erzählt es weiter.
NANA und Lola und Jesus.
Das Kino erzählt es noch mal.
Das Kino erzählt es weiter.
Madame Bovary wird ein Filmchen auf Youporn.
Das Kino erzählt es noch mal.
Das Kino erzählt es weiter.
5:35 bis zum -
Das Kino erzählt es noch mal.
Das Kino erzählt es weiter.
Sorge dich nicht. Wir sind alle noch hier.
Fortsetzung folgt.
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Freitag, 15. März 2013
Falls ich Papst werden sollte
Die Firma hat sich nach meinem Willen zu richten. Jeder Besucher, den
ich empfange, muss im Vatikanblatt abgedruckt werden. Meine Reden
werden von Radio Vatikan in
drei Sprachen rund um die Uhr ausgestrahlt. Das Anlagevermögen der
Firma, ein paar Milliarden Dollar werden es schon sein, ist in den
Computern der Hausbank gespeichert, im Stockwerk unter meinen
Amtsräumen. Dort wird auch mein persönliches Konto geführt, wenn ich ein
wenig Taschengeld brauchen sollte, für ein paar Moreshi-Schuhe oder
eine Cartier-Brille. Die Schweizergarde sorgt für meine Bewachung, ein
Leibarzt für meine Gesundheit, ein Kammerdiener für meine Unterhosen.
Täglich kommt eine Mappe mit den vorprogrammierten Audienzen auf den
Tisch. Wenn ich sage, dass ich meine Ruhe haben möchte, fallen die
Audienzen aus. Wenn mir der Kardinalstaatssekretär unsympathisch sein
sollte, lasse ich ihn warten.
Mein einziges Problem mit der Kurie wird mein schlechtes Namensgedächtnis sein. Ihr Gesicht kommt mir irgendwie bekannt vor, caro mio, werde ich sagen, wenn wieder ein Kurienkardinal zur Berichterstattung erscheint.
Ich bin der Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre, Eure Heiligkeit. Aber natürlich. Entschuldigen Sie meine Vergesslichkeit. Möchten Sie einen Espresso? Mit oder ohne Milch?
Den Espresso mache ich lieber selber, auf einer Pavoni-Maschine. Zum Präfekten der Glaubenskongregation werde ich sagen: Besorgen Sie mir die besten Übersetzungen der Werke Ephräm, des Syrers (Kirchenschriftsteller, gest. 373) ins Deutsche. Und eine kommentierte Liste aller Fachleute, die über ihn gearbeitet haben. Das wird den Präfekten eine Weile beschäftigen.
Die wöchentlichen Generalaudienzen fallen bis auf weiteres aus. Unermesslich ist das Versicherungsbedürfnis des Menschen, und schwer aufzulösen sein Respekt vor den Großen der Welt. Sistosesto hat "Masse und Macht" von Elias Canetti gelesen. Er will sich davor schützen, die Menschen verachten zu müssen, weil etliche zehntausend von ihnen immer wieder unter den Fenstern seines Palastes darauf warten, dass er sich ihnen zeigt. Ab und zu nur, und niemals zur selben Zeit, wird er das berühmte Fenster aufmachen und auf den Petersplatz hinunterschauen. Dann werden die Leute zu winken anfangen, und er wird zurückwinken. Vielleicht holt er dann seine Brieftaube aus dem Käfig und lässt sie fliegen, nach Castelgandolfo. Die Taube kennt den Weg. Auf dem Zettel, den sie befördert, stehen ein paar freundliche Zeilen an die Dame, die dem Herzen des Heiligen Vaters nahe steht. Sie wohnt in Castelgandolfo, mit den Katzen, die Sistosesto zweimal täglich gefüttert hat, als er noch in Wien lebte. Zu Hunden hat Sistosesto kein besonders nahes Verhältnis. Sie sind ihm zu laut.
Nach Castelgandolfo ist es nicht weit. Die Polizei fährt mit Blaulicht voraus, und wenn ich anhalten lasse, um eine Grappa zu trinken, gibt es eine kleine Turbulenz, wie sie die Italiener lieben. In Castelgandolfo schwimme ich eine halbe Stunde im päpstlichen Pool, gleich nach dem Aufstehen. Dann lasse ich mich zu den griechisch betenden Mönchen nach Grottaferrata hinüberfahren, um ihrer Liturgie beizuwohnen. Die dauert ein Weilchen, und bis ich wieder zurück bin, geht es gegen Mittag. Nach der Siesta muss ich dann, wenn es sich nicht vermeiden lässt, in die Firma, aber nur für zwei oder drei Stunden. Ronald Reagan hat auch nicht viel gearbeitet.
Adolf Holl
Mehr? Hier und Dort
Mein einziges Problem mit der Kurie wird mein schlechtes Namensgedächtnis sein. Ihr Gesicht kommt mir irgendwie bekannt vor, caro mio, werde ich sagen, wenn wieder ein Kurienkardinal zur Berichterstattung erscheint.
Ich bin der Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre, Eure Heiligkeit. Aber natürlich. Entschuldigen Sie meine Vergesslichkeit. Möchten Sie einen Espresso? Mit oder ohne Milch?
Den Espresso mache ich lieber selber, auf einer Pavoni-Maschine. Zum Präfekten der Glaubenskongregation werde ich sagen: Besorgen Sie mir die besten Übersetzungen der Werke Ephräm, des Syrers (Kirchenschriftsteller, gest. 373) ins Deutsche. Und eine kommentierte Liste aller Fachleute, die über ihn gearbeitet haben. Das wird den Präfekten eine Weile beschäftigen.
Die wöchentlichen Generalaudienzen fallen bis auf weiteres aus. Unermesslich ist das Versicherungsbedürfnis des Menschen, und schwer aufzulösen sein Respekt vor den Großen der Welt. Sistosesto hat "Masse und Macht" von Elias Canetti gelesen. Er will sich davor schützen, die Menschen verachten zu müssen, weil etliche zehntausend von ihnen immer wieder unter den Fenstern seines Palastes darauf warten, dass er sich ihnen zeigt. Ab und zu nur, und niemals zur selben Zeit, wird er das berühmte Fenster aufmachen und auf den Petersplatz hinunterschauen. Dann werden die Leute zu winken anfangen, und er wird zurückwinken. Vielleicht holt er dann seine Brieftaube aus dem Käfig und lässt sie fliegen, nach Castelgandolfo. Die Taube kennt den Weg. Auf dem Zettel, den sie befördert, stehen ein paar freundliche Zeilen an die Dame, die dem Herzen des Heiligen Vaters nahe steht. Sie wohnt in Castelgandolfo, mit den Katzen, die Sistosesto zweimal täglich gefüttert hat, als er noch in Wien lebte. Zu Hunden hat Sistosesto kein besonders nahes Verhältnis. Sie sind ihm zu laut.
Nach Castelgandolfo ist es nicht weit. Die Polizei fährt mit Blaulicht voraus, und wenn ich anhalten lasse, um eine Grappa zu trinken, gibt es eine kleine Turbulenz, wie sie die Italiener lieben. In Castelgandolfo schwimme ich eine halbe Stunde im päpstlichen Pool, gleich nach dem Aufstehen. Dann lasse ich mich zu den griechisch betenden Mönchen nach Grottaferrata hinüberfahren, um ihrer Liturgie beizuwohnen. Die dauert ein Weilchen, und bis ich wieder zurück bin, geht es gegen Mittag. Nach der Siesta muss ich dann, wenn es sich nicht vermeiden lässt, in die Firma, aber nur für zwei oder drei Stunden. Ronald Reagan hat auch nicht viel gearbeitet.
Adolf Holl
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