Freitag, 25. Januar 2013

#aufschrei

Der Dekan, der, als zwei Frauen für ein Führungsamt zur Wahl standen, sagte, da habe das Gremium ja gar keine Auswahl.

Derselbe Dekan, der sagte, Frauen, die immer die Wahrheit einem ins Gesicht sagten, seien ja untragbar, da er an so etwas nicht gewöhnt sei.

Der Mann mit evangelikalem Hintergrund, mit dem ich mich einmal an einem öffentlichen Ort getroffen habe und der mich dann via Facebook als "Hure Babylon" bezeichnete, weil ich ihn zum Ehebruch verführen könnte. Und der mir nun seit mehreren Jahren zu Weihnachten, Ostern und an meinem Geburtstag Karten und Geschenke schickt, die ich lange nicht zurückzuschicken wagte, weil er mir sagte, seine Frau habe bei einer ähnlichen Geschichte aufgehört zu essen und habe sich umbringen wollen.

Der über 70jährige Mann aus meinem Stadtteil, der am Pfarrhaus klingelte und mich mit der Faust bedrohte, weil ich nicht mehr auf seine fast täglichen Mails und Briefe antwortete, in denen er mir zuerst seine Liebe erklärt hatte und dann mir mit dem Ewigen Gericht drohte.

Der altgediente ehrenamtliche Mitarbeiter, der  in meiner Anwesenheit davon sprach, dass das 180-qm-Pfarrhaus zu erhalten sei, weil in Zukunft ja vielleicht einmal wieder ein Pfarrer mit Frau und Kindern die Gemeinde leite, so wie man es sich wünsche.

Der Mann, der sich in der fast leeren Sauna ganz nah neben mich setzte und mich später durch den ganzen Wellness-Bereich verfolgte.

Ich, die denkt, sie sei zu freundlich gewesen und deshalb vielleicht selber schuld.

Mehr #aufschrei hier: #aufschrei bei Twitter

Kurzes Update: Twitter ist mittlerweile nicht mehr lesbar vor lauter Spinner_innen und Trolls - ganz furchtbar!
Aber die Sammelmappe hat sehr fleißig gesammelt für alle, die mehr wissen wollen: http://www.claudiakilian.de/aufschrei-sammlung

Kommentare:

  1. Von derlei Begehrlich- und Zudringlichkeiten berichtet neben der Bibel die gesamte Weltliteratur. das rechtfertigt nichts, erklärt aber, dass es sich wohl um Phänomen handelt, das unabhängig von Zeiten und Kulturen immer und überall west.

    Du bist wenigstens groß und alt genug, dich abzugrenzen und zu wehren. Und möglicherweise Auswege zu finden oder gar Weichen zu stellen. Und dabei wäre ich nicht zimperlich: klare Worte, nicht nur den Molchen gegenüber. Vor allem den Machos im Dienstkleide gegenüber.

    Dem Kind steht das noch nicht zu Gebote.

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    1. Die #aufschrei-Initiative scheint mir aber genau das zu sagen: niemand ist groß und alt genug, um sich dagegen adäquat zu wehren. Die, die so handeln, müssen sich ändern, nicht die, die so behandelt werden.

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  2. Hi,

    ich bin ehrlich gesagt ziemlich überrascht, wie viele Frauen belästigt werden/wurden. Vielleicht liegt's an meinem Job, vielleicht an der Branche, in der ich arbeite (um mich herum verheiratete Akademiker), vieleicht aber auch an mir selbst.

    Mie ist das in meinem ganzen Berufsleben vielleicht 2 x passiert, dass ich mich belästigt fühlte. Maximal. Mit fast 20 Jahren Differenz dazwischen. Und beim letzten Mal meinten meine Kollegen noch, ich täte mir das nur einbilden (ein ältlicher Kollege legte in der Kantine den Arm um mich und fragte nach meinen Männergeschmack - ich fands ziemlich "igitt" - und zu persönlich). Egal, ich gehe dem Herrn seitdem einigermaßen erfolgreich aus dem Weg.

    Nee, aber ehrlich, da frage ich mich doch eher, warum ich (als einzige) nicht ständig angebaggert werde/wurde, bin fast ein bisschen neidisch ;-)

    Diskriminierung bzw. Benachteiligung aufgrund des Geschlechts mag ich allerdings auch in meinem Fall nicht ausschließen. Allerdings wird so etwas selten laut geäußert, so dass ich das nicht wirklich beweisen kann. Trotzdem frage ich mich manchmal, ob ich wohl, wenn ich als Mann geboren wäre (mit den gleichen Fähigkeiten und Kenntnissen) wohl beruflich erfolgreicher wäre. Ist natürlich reine Spekulation.

    Lg, A.

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    1. Liebe A., keinerlei Grund zum Neidisch-Sein - ehrlich :-/
      Könnte es sein, dass verschiedene Frauen-Typen (ich meine jetzt nicht so banal optisch, sondern vom Temperament und der Ausstrahlung her) verschiedene Arten von Sexismen und / oder Belästigungen erleben?

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    2. Ja, das halte ich für durchaus denkbar, ich trete normalerweise Fremden gegenüber eher distanziert auf (was sicherlich auch nicht immer gut ist). Dem älteren Herrn (mit dem zusammen ich eine hausinterne Schulung besuchte) gegenüber war ich (dummerweise) freundlich, genau das war dann vielleicht das "Signal" welches der Herr überinterpretierte. Vielleicht ist es das: Die Herren interpretieren Freundlichkeit als (sexuelles) Interesse...?

      Allerdings gibt es auch Frauen, die aufgrund ihrer Kleiderwahl Anmachen im Berufsleben geradezu provozieren. Ich behaupte das mal, obwohl mir bewusst ist, dass ich jetzt vermutlich verbal ausgebuht werde. Aber sorry: Wenn eine Frau z.B. mit Hotpants, megakurzem Minirock oder extrem tiefen Ausschnitt im Büro erscheint, dann denke ich mir schon manchmal "gehört solche Kleidung nicht eher in den Privatbereich?". Und ja, wenn ich so etwas sehe, dann vermute ich, dass es sich um jemanden handelt, der seine körperlichen Reize für seine Karriere einsetzen möchte. Ein Vorurteil, das ist mir schon klar. Aber so kommt es halt bei mir an. Und wenn der eine oder andere Herr bei einer solchen Kleiderwahl möglicherweise auf falsche Gedanken kommt, nun ja, es überrascht mich nicht wirklich. Einen Vorwurf kann den Herren in einem solchen Fall nur dann machen, wenn sie ein "nein" nicht akzeptieren. Aber es (verbal! keineswegs handgreiflich!) einmal "versucht" zu haben, finde ich nicht verurteilungswürdig.

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    3. Ich bin sehr vorsichtig mit solchen Urteilen. In meinem Arbeits- und Lebensbereich Kirche fällt es schon auf, wenn eine Frau in meiner Position keinen grauen Hosenanzug, sondern ein buntes Kleid trägt. Und ich habe mich sehr bewußt zu letzterem entschlossen. Es gehört zu meiner eigenen Emanzipationsgeschichte mich so zu kleiden, wie ich es tue. Ich nehme dafür Nachteile in Kauf, das weiß ich - und ich wünschte, es wäre anders.

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    4. Eigentlich dachte ich dabei an etwas extremere Fälle von "sexy Kleidung". Zum Beispiel hatte ich mal eine Kollegin, die trug so kurze Röcke im Büro, dass man ihre geblümte Unterhose sehen konnte, wenn sie sich ungünstig bewegte. Als ich sie darauf aufmerksam machte (dachte, ich täte ihr einen Gefallen damit), reagierte sie völlig unerwartet. Sagte, das sei ihr bewusst, damit sei ihr zumindest die Aufmerksamkeit der Kollegen sicher. Und die würde sie genießen. So etwas gibts also auch.

      Ich wollte damit auch nicht sagen, dass ich solche Fälle wie in Ihrem Beitrag in Ordnung finde, das klingt ja schon teilweise nach Stalking. Und jegliche Art von unerwünschten Handgreiflichkeiten gehen schonmal gar nicht.

      Aber ganz ehrlich, wenn ich mich entschließe, im Büro z.B. Hotpants zu tragen, dann darf ich mich nicht darüber wundern, wenn mir die Leute auf die Beine gucken. Das ist doch so, als würde ich eine tolle Designerhandtasche vor mir hertragen und mich darüber beschweren, dass andere Frauen sie begehrlich anschauen, oder?

      Es gibt sicherlich Fälle von Belästigungen, die heftig und nicht hinnehmbar sind. Auch was manche "Sprüche" betrifft. Trotzdem habe ich den Eindruck, dass hier und da auch (mal wieder) übertrieben wird. Aber gut, dass mag an meiner eigenen Perspektive bzw. meinem Umfeld liegen, das sich im allgemeinen gut zu benehmen weiß. Da habe ich vielleicht einfach nur Glück.

      Aber die Frage ist doch - möchten wir hier amerikanische Verhältnisse, in denen man einem Kollegen oder einer Kollegin noch nicht mehr mal ein Kompliment machen darf ohne gleich der Belästigung bezichtigt zu werden? Denn auch diesbzgl. ist es schwer, die genaue Grenze (wo genau wird ein Kompliment zur Unverschämtheit?) zu definieren. Lg, A.

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    5. Eben, genau um so was gings bei mir nicht - und, soweit ich sehe, bei denen, die zu #aufschrei twitterten und bloggten auch nicht - es geht um das Gefühl, belästigt und diskrimiert zu werden - und darum, dass dieses Gefühl (endlich) öffentlich artikuliert wird und nicht als Lappalie abgetan. Mich irritierts ein bißchen, dass dann aber doch wieder die Frauen in den Hotpants, die sich hochschlafen wollen, ausführlich angeführt werden.
      Der Subtext dabei ist (auch wenn Sies nicht so gemeint haben, A.), eben doch: Ihr wollt es doch nicht anders. Wahrscheinlich hattet Ihr auch Hotpants an mit Absicht oder Ihr wurdet mit Hotpats-Trägerinnen verwechselt.
      So kommt es jedenfalls bei mir an.

      Wobei: auch Frauen in Hotpants haben ein Recht auf körperlichen Abstand - aber darüber sind wir uns ja einig.
      Die, die gern angegraben werden (auch von Herrn Brüderle zB - schwer vorstellbar, aber es gibt ja alles ;-)) und das bewusst einsetzen, die bloggen und twittern sicher nicht so wie ich und andere unter diesem Hashtag.

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  3. Es ist ein trauriger Anlass der mich herführte- doch entspringt ihm ein gutes Moment für mich (und viele andere auch): "ES" sieht immer anders aus- doch kennen (und drunter leiden) tun viele. Wir sind nicht allein.

    Herzliche Grüße
    C. Rosenblatt

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    1. Liebe_r C., ja ein trauriger Anlass - aber auch sehr empowerend, wir zusammen in diesem Internet.
      Alles Liebe Dir!

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  4. Genau, dieses "ich bin selbst schuld", das ist doch das Problem. Ich habe ihn zu sehr ermuntert, ich bin in der falschen Straße gelaufen, ich bin in der falschen Tageszeit S-Bahn gefahren, ich war zu aufreizend gekleidet, ich hab mich nicht deutlich genug gewehrt, ich habe falsche Signale ausgesendet...
    Nein, sind wir eben nicht. Es tut so gut, dass jetzt so viele Frauen schreiben.
    Lg, Tine

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  5. Mich regt an der Debatte immer auf, wenn jemand sagt: So schlimm kann Rainer Brüderle nicht sein, schließlich hat Laura Himmelreich ihn anschließend weiterhin berufich getroffen und ist sogar mit ihm im Auto gefahren. Hier meine Antwort darauf:
    http://deraufschrei.wordpress.com/2013/02/02/sexismus-ist-nur-wenn-das-opfer-seinen-job-kundigt/

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